Ein Abenteuer in CNC-Fräsung, DXF-Import-Chaos und handwerklichem Eigensinn
Die Ausgangslage: Ein ehrgeiziges Projekt, wenig Zeit
Im Sommer 2026 war ich gleich mehrfach mit dem HEMA-Turnier „Zuzelort" meines Fechtclubs, dem Henger SV, verbunden: aktiver Fechter, Schiedsrichter, und in der Orga-Mannschaft. Dann kam die Idee — oder eher die Notwendigkeit: Medaillen für die Turniersieger sollten es sein. Nicht kaufen. Selbst machen. Mit dem FabLab der FAU.
Das Problem: Ich hatte noch nie eine CNC-Fräse bedient.
Zeitleiste:
- Turnier: ca. 1,5 Wochen weg
- Designs: vom Verein schon vorhanden aus Adobe Illustrator
- Material: Messing-Ronden Ø 40 mm × 10 mm
- Fachkompetenz: Fusion 360 ja, CNC-CAM nein
Das war verdammt knapp.
Design & Konzept: Das Illustrator-DXF-Desaster
Die ersten Designs kamen aus Adobe Illustrator — nicht gerade die ideale Quelle für technische Fertigungszeichnungen. Als ich die DXF-Datei in Fusion 360 importierte, offenbarte sich sofort das klassische Problem: Einheiten-Verwirrung.
Illustrator speichert ohne explizite Unit-Information. Fusion 360 interpretierte das geometrisch korrekt, aber in völlig falscher Skalierung. Die DXF-Datei wurde als 8 Meter Durchmesser statt 40 Millimetern importiert — das Gegenteil von „zu klein", sondern einfach absurd überdimensioniert.
Lösung: Nach ein paar fehlgeschlagenen Versuchen mit Skalierungsfaktoren:
- DXF in Fusion importieren
- Modify → Scale mit Faktor 0.05 anwenden (von 8m auf 40mm)
- Geometrie neu zentrieren (importierte Sketches waren wild verteilt)
- Details nachjustieren
Größere Änderung: Eine 3 mm Bohrung oben mittig für den Clip des Medaillenbands. Die sollte präzise sitzen, ohne die Designelemente zu zerstören.
Nach einigen Iterationen war die CAD-Datei sauber. Der ganze Prozess hat mir mehr über DXF-Fallstricke beigebracht, als ich erwartet hätte.
Der CAM-Export-Odyssee: STEP → FreeCAD → DXF
Jetzt zur nächsten Hürde: Die Toolpaths sollten in VCarve Pro erstellt werden (das Standard-CAM-Tool im FAU FabLab). VCarve akzeptiert DXF — aber Fusion 360 wollte auf einmal keine DXF mehr direkt exportieren, die ich in VCarve verwenden konnte.
Workaround:
Fusion 360 (.f3d) → Export as STEP → Import in FreeCAD → Export as DXF (projiziert, sauber) → Import in VCarve Pro → Toolpaths erstellen
Es ist nicht elegant, aber es hat funktioniert. Eine wertvoll gelernte Lektion: CAM-Software und CAD haben ihre eigenen Vorlieben — und manchmal hilft nur ein Umweg über die richtige Zwischenschicht.
Die Fertigung: Markus und die BZT PFX 500-H
An diesem Punkt musste ich zugeben, dass ich mich auf fremdes Fachpersonal verlassen muss — und das war okay.
Markus vom FAU FabLab hat die Toolpaths in VCarve Pro erstellt und mich dabei mitgenommen. Ich habe zugeguckt, Fragen gestellt, und die Entscheidungen nachvollzogen:
Maschine: BZT PFX 500-H (Portal-Fräsmaschine)
- Fixed Portal, Y-Achse bewegt den Tisch, X-Achse den Spindelkopf
- Maximale Geschwindigkeit: 30 m/min
- Aufspannfläche (ca.): X 375 mm – 740 mm, Y 600 mm – 1.500 mm
Werkzeuge & Strategie:
- 2 mm Fräser für die Taschen (Pockets) — Schnitttiefe, präzise Ecken
- Gravierstichel für feine Details und Gravuren
- Abschlussdurchgang (Pocket Climb): ~1 mm Planfräsung, um Unebenheiten und Reste auszugleichen und die Oberfläche zu egalisieren
Die Fräsung selbst war beeindruckend zu beobachten. Bis dann auf einmal die Maschine ausfiel. Und am nächsten morgen war schon das Turnier… An dieser Stelle ein Riesendank an Markus, dass er die restlichen Medaillen noch für mich fertig gemacht hat und wir sie bei ihm abholen konnten!
Post-Processing: Vom Fräs-Finish zur Spiegelpolitur
Nach der Fräsung waren die Medaillen technisch fertig, aber optisch noch Werkstatt-Rohling. Der Schliff kam:
- Oberflächenpräparation: Mit dem Dremel und verschiedenen Polierpastestufen auf Hochglanz poliert
- Finish-Qualität: Die Gravuren scharf, die Fläche gespiegelt — genau das Aussehen für ein Turnier-Andenken
Das handwerkliche Polieren ist eine unterschätzte Kunst. Maschinenschliff und Handpolitur machen den Unterschied zwischen „technisch korrekt" und „schön anzuschauen".

Die Realität: Orga, Schiedsrichter & Krisenpolitik
Am Turniertag selbst spielte ich drei Rollen gleichzeitig:
- Schiedsrichter: Turnierregeln, faire Fights, Entscheidungen
- Orga: Anmeldungen, Zeitplan, logistische Koordination der Medaillenlieferung
- Troubleshooter: Als der Videobeweis nicht lief, musste ich einspringen
Das ist der „echte" Teil jedes Projekts: Es läuft selten nach Plan. Aber wenn es funktioniert, wenn die Sieger ihre Medaillen um den Hals bekommen — das rechtfertigt jede schlaflose Nacht vorher.
Lessons Learned
Technisch:
- DXF-Import ohne Unit-Information ist eine zeitlose Falle
- Intermediate Formate (STEP → FreeCAD → DXF) sind manchmal ein guter Workaround
- CAM ist kein einfacher Knopfdruck, sondern eine Kunstform mit Kontext
Persönlich:
- Sich auf Experten verlassen ist nicht Schwäche — Markus' Unterstützung hat das Projekt erst realisierbar gemacht
- Ein Projekt mit handfesten Ergebnissen (Medaillen, die Menschen tragen) hat einen anderen Wert als abstrakte Ingenieur-Arbeit
- Improvisation unter Zeitdruck lehrt mehr als glatte Prozesse
Organisatorisch:
- Selbst bei guter Vorbereitung: Am Tag selbst läuft etwas anders als geplant — das ist normal
Dank
Ein großes Dankeschön an Markus vom FAU FabLab — ohne seine Fachkompetenz, Geduld und seinen Einsatz würden die Medaillen noch im 3D-Modell-Limbo stecken.
Und an den Henger SV, dass ich dieses ambitionierte Hobbyprojekt überhaupt umsetzen konnte. Fechten ist mehr als Sport — es ist Community, die zusammenhält.